Seit Jahrzehnten dient die Kinmen-Inselgruppe als Taiwans Verteidigungslinie gegen Festlandchina. Der wachsende Tourismus sowie der Abbau der hier stationierten Streitkräfte bringen große gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen über die Inseln. Welche Rolle soll Kinmen in Zukunft einnehmen?
Tief in einem Granitbunker nimmt ein neu hierher versetzter Armeeoffizier sein erstes Mittagessen auf der vor Chinas Südostküste gelegenen Insel Kinmen, im südlichen Fukien-Dialekt Quemoy genannt, ein. Trotz der Dunkelheit und der hohen Luftfeuchtigkeit scheint die einfache Armeekost seinem Appetit keinen Abbruch zu tun. Plötzlich ertönt ein ohrenbetäubender Knall. Ohne Zögern reagiert der Offizier, wie er es während seiner Ausbildung gelernt hat. Er hechtet unter einen Tisch und brüllt: "Granate! Deckung!"
Diese spontane Aktion bringt ihm allerdings statt Lob nur Lachsalven ein. Die hier schon seit geraumer Zeit Stationierten wissen, daß bereits zwei Jahrzehnte vergangen sind, seit Kinmen zuletzt scharf beschossen wurde, und daß die Explosion nur ein harmloser Artillerietest war. Dennoch deutet die Reaktion des Offiziers auch darauf hin, daß nur wenige Leute über die Zustände auf Kinmen Bescheid wissen. Weil die Inselgruppe vor rund zwanzig Jahren vom festlandchinesischen Militär unter Beschuß genommen worden ist und hier mindestens eine furchtbare Schlacht stattgefunden hat, neigen nicht wenige Besucher zu der Ansicht, daß Kinmen auch heute noch von Zeit zu Zeit bombardiert werde. Ein verständlicher Irrglaube, denn über vierzig Jahre lang waren die Inseln Sperrgebiet. So wissen die Bewohner auf Taiwan selbst kaum etwas über das Leben auf der vorgelagerten Inselfestung. Es gibt sogar eine geringfügige Sprachbarriere - der Kinmen-Dialekt unterscheidet sich leicht vom Taiwanesischen, obwohl beide ihre Wurzeln in der Sprache der südlichen Provinz Fukien haben.
Kinmen(金門)bedeutet Goldenes Tor. Diesen Namen bekam die Insel 1387, als der Markgraf Chou Te-hsing(周德興)während der frühen Ming-Dynastie (1368-1644) dort Verteidigungswälle und -gräben bauen ließ. Die Gruppe aus zwölf Granitinseln erstreckt sich über eine Fläche von 150 km² und wacht über den Eingang zur Xiamen-Bucht in Fukien. An ihrer am nächsten gelegenen Stelle ist Kinmen nur 2300 Meter von der Küste Festlandchinas entfernt. Die Hauptinsel kann mehrere Häfen vorweisen, darunter den Hafen Liaolo, der tief genug für Schiffe mit mehreren tausend Bruttoregistertonnen ist. Die Einwohnerschaft der gesamten Inselgruppe beträgt 47 000 Menschen, die Militärangehörigen nicht eingerechnet. Aus verwaltungstechnischen Gründen wurden sie zu einem Landkreis Kinmen zusammengefaßt, in dem ein kommunal gewählter Kreisrat und ein Kreisratsvorsitzender bestimmen. Die größte Stadt ist Kincheng im Westteil der größten Insel.
Der Kreis Kinmen hat schon viele Kriege erlebt. Die ersten chinesischen Siedler sollen zu Beginn der Chin-Dynastie (265-420) auf der Flucht aus dem kriegszerrissenen China hierhergekommen sein. Im Laufe der Zeit gab es immer mehr Zuwanderer. Mitte des 17. Jahrhunderts erreichte Koxinga (Cheng Cheng-kung), der legendäre Loyalist und Militärführer der Ming-Dynastie, die Insel. Nachdem sein Versuch, Nanking einzunehmen, gescheitert war, benutzte Koxinga Kinmen als Stützpunkt für die Soldatenausbildung und den Bau von Kriegsschiffen, die er einsetzte, um den Holländern Taiwan abzuringen. Als er und seine Streitkräfte jedoch nach Taiwan übersetzten, gab es auf Kinmen niemanden mehr, der die Insel gegen die plündernden Piraten verteidigte, die in der Region bereits seit Jahrhunderten ihr Unwesen trieben.
Der Kampf gegen die Piraten dauerte bis 1949, als das Militär der Republik China einzog, aber selbst dann hörten die Angriffe nicht auf. Nachdem die Nationalchinesen das Festland verlassen hatten, war Kinmen der einzige Landkreis Fukiens, der weiterhin von der Regierung der Republik China auf Taiwan verwaltet wurde. Die strategisch wichtige Position der Inseln war dem kommunistischen China ein Dorn im Auge. Im Oktober 1949 fielen 12 000 festlandchinesische Soldaten in Kuningtou an Kinmens Nordwestküste ein. Die Truppen der Republik China wehrten sich tapfer. In einer dreitägigen Schlacht wurden über 4000 der chinesischen Invasionssoldaten getötet. Die übrigen gerieten in Gefangenschaft.
Seit der erfolgreichen Verteidigung Kuningtous hat Festlandchina keine zweite große Invasion versucht. Stattdessen hat die andere Seite Kinmen jedoch unter Dauerbeschuß genommen, um die Inseln zu isolieren und zu paralysieren. Einer der schlimmsten Angriffe begann am 23. August 1958. 46 Tage lang regneten fast eine halbe Million Granaten aus 600 festlandchinesischen Artilleriegeschützen auf Kinmen nieder. Chen Yu-peng(陳友朋)war damals dabei. Der pensionierte Luftwaffenoffizier ging mit 18 Jahren zum Militär und diente 30 Jahre lang auf Kinmen. Auch nach seiner Pensionierung 1979 lebt er weiter hier. "Eine Menge Soldaten, viele davon meine Freunde, haben hier ihr Leben gelassen", erinnert er sich traurig. "Aber es gelang uns, Nachschub von Taiwan herüberzuschaffen, und dann schossen wir zurück. Kinmen war weder paralysiert noch isoliert."
Neben den wackeren Soldaten und couragierten Bürgern verdankt die Insel ihr Überleben auch ihrem harten Granitgestein. Mitte der fünfziger Jahre begannen Militär und Zivilisten mit dem Bau eines Tunnelsystems. Diese unterirdischen Verteidigungsbauten durchziehen die Insel wie Maulwurfsgänge. Sogar nach dem unablässigen Granatbeschuß, der große Teile der Bodenoberfläche in Ödland verwandelt hat, waren Personen und Waffen immer noch gut geschützt. Die festlandchinesischen Generäle mußten bald erkennen, daß sie Kinmen nicht einnehmen konnten, aber für sie hätte es einen Gesichtsverlust bedeutet, wenn sie einfach aufgehört hätten zu schießen. Die Kompromißlösung war eine zweiwöchige Waffenruhe, der während der nächsten zwanzig Jahre Beschuß an jedem zweiten Abend folgte. "Die Leute gewöhnten sich daran", erzählt Chen. "Sie konnten anhand des Geräuschs feststellen, wo eine Granate einschlagen würde und ob sie in Deckung gehen mußten." 1978 hatte das Dauerfeuer endlich ein Ende.
Nur wenige Außenstehende bekamen die Gelegenheit, diese gespannte Atmosphäre hautnah mitzuerleben. Seit Kinmen 1949 zum Kriegsgebiet erklärt worden war und das Militär die gesamte Verwaltung übernommen hatte, wurden Zuwanderungen streng eingeschränkt. Auf Kinmen geborene Bürger und ihre Ehepartner hatten natürlich ein Aufenthaltsrecht, aber sonst durfte hier außer Militärangehörigen und Beamten kein Nicht-Insulaner wohnen. Zwischen dem Ende der vierziger Jahre und den frühen achtziger Jahren gab es etwa 150 000 dieser Zugereisten auf der Insel. Über zwei Drittel davon waren junge Männer, die hier ihre zwei oder drei Jahre Militärdienst ableisteten. Auf Kinmen wurde das Straßenbild immer mehr von den Soldaten als den Zivilisten bestimmt, und die Militärfahrzeuge waren den privaten zahlenmäßig stark überlegen. "Kinmen war geographisch, sozial, wirtschaftlich und politisch für Außenstehende nicht zugänglich", sagt der Kreisratsvorsitzende Chen Shui-tsai(陳水在)von der Regierungspartei Kuomintang. "Es war, als würden ein paar Zivilisten in einem Militärstützpunkt leben. Es war alles andere als eine normale und gesunde Gesellschaft."
Unter dem Militär waren Kinmens Gemeinden in sogenannten "Kampfdörfern" organisiert. Bei einem feindlichen Angriff, so das Konzept, wäre jedes dieser gut vorbereiteten Dörfer in der Lage gewesen, sich als autonome Einheit zu verteidigen. Alle Bürger absolvierten seit ihrer Oberschulzeit regelmäßig militärisches Training. Schüler, die in öffentlichen Bussen ihre M14-Gewehre bei sich trugen, gehörten zumAlltag. Von Zeit zu Zeit fanden inselweite Übungen statt, an denen alle Bürger teilnehmen mußten.
Die Bewohner Kinmens beschwerten sich nicht - oder zumindest kaum - über ihren eingeschränkten und künstlichen Lebensstil. Chen Shui-tsai ist der Meinung, daß es in jeder Kriegszone notwendig sei, dem befehlshabenden Offizier alle Befugnisse zu geben, nicht nur über seine Militärstreitkräfte, sondern auch über die Politik und sämtliche Entscheidungen, welche die Zivilbevölkerung betreffen. Viele Bewohner Kinmens bescheinigen der Armee, daß sie gute Arbeit geleistet und gut für die Inseln gesorgt habe. Die meisten Straßen wurden beispielsweise von Soldaten mit sehr einfachem Handwerkszeug gebaut. Von den Bäumen, welche die Bewohner vor den jahreszeitlich bedingten starken Winden schützen, wurden viele von den Soldaten gepflanzt. Da sich in vielen Gebieten aus militärischen Gründen nur Anwohner aufhalten durften, wurden die natürliche Umgebung und historische Überreste auf Kinmen ebenfalls besser bewahrt als in den meisten anderen Teilen Taiwans. "Wenn Sie vor zehn Jahren hierhergekommen wären, wäre Ihr erster Eindruck sicher die Ordnung und Sauberkeit hier gewesen", vermutet Chen Yu-peng. "Wir brauchten keine Verkehrsampeln, und jeden Tag konnte man Horden von Soldaten sehen, die die Straßen fegten."
Die auf Kinmen stationierten Soldaten leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur örtlichen Wirtschaft. Hsieh Yu-chen(謝玉真)aus dem Ort Hsiahsing im Herzen der Insel führte damals einen kleinen Gemischtwarenladen. Im ganzen Dorf, das nicht einmal dreißig Haushalte umfaßt, gab es ein halbes Dutzend weiterer Geschäfte dieser Art. Neben gekühlten Getränken konnte man sich hier mit Eßwaren eindecken, Billard spielen und seine Wäsche waschen lassen. In Hsiehs Geschäft waren die über zwanzig Stühle und drei Billardtische ständig von Soldaten aus den umliegenden Kasernen besetzt. "Unsere Kundschaft bestand ausschließlich aus Soldaten", berichtet sie. "Ob Feiertag oder nicht, die Läden waren immer voll. Oft mußten viele von ihnen am Eingang sitzen oder draußen stehen."
Die Militärverwaltung dauerte über vier Jahrzehnte. Offiziell endete sie im November 1992, aber schon lange vorher hatten Veränderungen eingesetzt. Bereits Anfang der achtziger Jahre hatte die Regierung aufgrund der entspannteren Beziehungen zum Festland begonnen, die Truppen schrittweise aus Kinmen abzuziehen. Innerhalb von zehn Jahren wurde die Zahl der Militärangehörigen auf ein Drittel der ursprünglich 100 000 Mann reduziert.
Weniger Soldaten müssen nicht unbedingt eine geschwächte Verteidigung bedeuten, dafür aber definitiv weniger Konsumenten. Kinmens Wirtschaft war in hohem Maße vom Militär abhängig. Nach dem Schrumpfen der Streitkräfte begannen für viele Geschäftsleute harte Zeiten. Ein Insulaner, der seit über zwanzig Jahren Taxi fährt, erzählt, daß er früher an jedem Wochenende fast 20 000 NT$ (1100 DM) mit den Fahrten der Soldaten von den Kasernen in die Stadt und zurück verdient hätte. Heute schätze er sich schon glücklich, wenn er ein Drittel dieser Summe einnimmt. "Die Inselbewohner nehmen nicht oft ein Taxi", klagt er, "und die Touristen kommen meist in Gruppen und fahren in Reisebussen herum. Als die Soldaten abzogen, gingen unsere goldenen Zeiten mit ihnen."
Andere Geschäfte haben mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Hsieh Yu-chen und die meisten anderen mußten ihre kleinen Tante-Emma-Läden schließen. "Man kann nicht erwarten, daß so ein Geschäft von den Einkäufen einer Handvoll Anwohner und ein paar Soldaten überleben kann", gibt Chen Shui-tsai zu bedenken. "Wir brauchen Ansporn und Investitionen. Das ist im Moment das fehlende Glied in der Kette." Chen meint, daß für eine kleine Insel mit wenig natürlichen Bodenschätzen der Tourismus der einzig Ausweg sei. Die Inselbewohner sind bereit, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Hsieh Yu-chen hat sich zum Beispiel entschieden, ins Hotelgeschäft einzusteigen. Vor drei Jahren baute sie ihr hundert Jahre altes Hofhaus im Fukien-Stil zu einem Hotel um, wobei das ursprüngliche Ausehen des Gebäudes größtenteils intakt blieb. Es hat zwölf Zimmer und kann etwa dreißig Gäste aufnehmen. Bei dieser Größe kann Hsieh das Putzen und alle anderen Arbeiten selbst bewältigen. "Ich kann mich um mein Haus kümmern und dabei auch noch Geld verdienen", freut sie sich.
In den letzten drei Jahren sind viele neue Hotels entstanden, um mit dem aufblühenden Tourismus Schritt zu halten. Heute gibt es auf Kinmen über sechzig Hotels und Herbergen unterschiedlicher Größe und Standard, in denen insgesamt 4000 Touristen unterkommen können. Aber warum sollte überhaupt jemand eine so kleine Inselgruppe besuchen wollen, auf der permanent ein scharfer Wind pfeift und die meisten Strände aus militärischen Gründen immer noch geschlossen sind? Der Grundschullehrer Chen Lien-hsing(陳連興), Hsieh Yu-chens Ehemann, meint, daß Neugierde des Rätsels Lösung sei. "Ehemalige Soldaten, die hier ihren Militärdienst abgeleistet haben, wollen herausfinden, was sich seit ihrem Weggang hier verändert hat", meint er. "Sie wollen unbedingt die Orte wiedersehen, in denen sie stationiert waren. Besucher, die zum ersten Mal kommen, interessieren sich für die Überreste der Kämpfe, und sie wollen wissen, wie es in einer Kriegszone ist."
Die meisten Sehenswürdigkeiten kann man jedoch innerhalb von zwei Tagen besucht haben, und Chen Lien-hsing befürchtet, daß die Touristen nur einmal und nicht wieder kommen werden. Kinmen braucht noch etwas anderes; etwas, das zum Wiederkommen anregt. Die typischen Touristenmagneten, wie die berühmte Architektur und die Naturschönheiten auf der Inselgruppe, sind gut erhalten und bieten leicht nutzbare und wertvolle Resourcen, mit denen die Probleme auf Kinmen zumindest teilweise gelöst werden könnten. Um sie zu bewahren, wurde 1995 eine große Fläche zum sechsten Nationalpark der Republik China erklärt. Das Schutzgebiet umfaßt 3780 Hektar, das sind 25 Prozent der gesamten Inselfläche, und ist in fünf Zonen eingeteilt. Jede hat einen anderen Schwerpunkt: historische Überreste und Kriegsrelikte, traditionelle Dörfer, Verteidigungsbauten, Küstenflora und Vogelbeobachtung. "Wie andere Nationalparks auch wollen wir unsere Besucher über die Umwelt aufklären - wie man sie gleichzeitig erhalten und entwickeln kann", sagt Lee Yang-sheng(李養盛 ), Oberaufseher des Parks und gebürtiger Bewohner Kinmens. "Aber dieser Ort bietet noch mehr. Hier können die Leute die Grausamkeit des Krieges verstehen und für den Frieden dankbar sein."
Historische Stätten und ein Nationalpark können den Besucher während des Tages ausreichend beschäftigen. Investoren haben mehrere Unterhaltungsetablissements wie Bowlingbahnen und Karaoke-Bars errichtet, um auch etwas Abendunterhaltung für die Touristen auf die Insel zu bringen. "Unter der Militärkontrolle gab es kein Nachtleben, weil niemand - weder Soldaten noch Zivilisten - abends nach zehn Uhr ausgehen durfte", berichtet Chen Lien-hsing. "Aber für Taiwans Städter beginnt das Leben um zehn Uhr abends. Sie wollen ihre Abende nicht im Hotel verbringen." Das abendliche Entertainment hat auch seine negativen Seiten. In vielen Bars und Karaoke-Etablissements arbeiten Mädchen, um die Gäste zu "unterhalten", und der Kreisratsvorsitzende Chen Shui-tsai glaubt, daß immer mehr dieser "berufstätigen jungen Frauen" und "Geschäftsmänner" von Taiwan herüberkommen. Laut seiner Ausage bedienen sie sowohl Einheimische als auch Touristen. Aber das ist nicht die einzige Veränderung im Leben der Inselbewohner. "Das menschliche Miteinander und die einfache Lebensweise einer typischen Agrargesellschaft werden durch Materialismus ersetzt", sagt Chen. "Ich schätze, wir können das nicht vermeiden. Es gehört einfach zum Entwicklungsprozeß."
Der Tourismus wächst schnell. 1993, dem ersten Jahr nach der Öffnung der Inseln, kamen rund 100 000 Touristen. Im Jahr darauf hatte sich ihre Zahl bereits verdreifacht und wuchs 1995 noch einmal um das Doppelte auf 600 000 an. Diese Touristen haben nicht nur die vom Militär hinterlassene Lücke gestopft, sondern den Inselbewohnern auch eine neue Einkommensquelle verschafft: die Gelegenheit, ihr Land an Investoren aus Taiwan zu verkaufen. Aus Statistiken geht hervor, daß die Sparguthaben der Bürger Kinmens sich vor drei Jahren auf insgesamt 405,7 Millionen US$ beliefen. Bis Ende 1995 war diese Summe auf 778 Millionen US$ angestiegen. Bauprojekte und der Personalbedarf in den Freizeiteinrichtungen haben für viele neue Arbeitsplätze gesorgt und so der Abwanderungswelle Einhalt geboten. Vor der Öffnung der Inseln lebten hier 42 000 Zivilisten. Ende 1995 waren es 47 000 Einwohner.
Ein weiterer, wichtiger Vorteil der Öffnung Kinmens zur Außenwelt ist die Verbesserung der Bildungseinrichtungen. Wenn Eltern früher ihre Kinder über die Oberschule bzw. eine Berufsfachschule hinaus ausbilden lassen wollten, mußten sie sie nach Taiwan schicken, wo sie mit Oberschulabsolventen aus dem ganzen Land um Studienplätze konkurrierten. Heute gibt es auch auf Kinmen immer mehr Möglichkeiten für ein Hochschulstudium. Das Nationale Institut für Technologie Kaohsiung (National Kaohsiung Institute of Technology, NKIT) und das Privatcollege Ming Chuan wollen auf der Insel Außenstellen einrichten. Diese werden Fachbereiche mit besonderem Bezug zur Wirtschaft der Insel wie Tourismus, Ingenieurwesen, Bauwesen und Wirtschaftswissenschaften anbieten. Da eine bestimmte Quote der Studienplätze Bewerbern aus Kinmen vorbehalten ist - über die genaue Ziffer wird noch verhandelt -, hofft Chen, daß diese Einrichtungen helfen werden, die Hochschulbewerber von den Inseln in ihrer Heimat zu halten. Auch werden Studenten aus Taiwan herüberkommen und die übrigen Plätze belegen. Ihre Anwesenheit sollte sich ebenfalls vorteilhaft auf die Wirtschaft der Inseln auswirken. Das NKIT hofft, bereits im September 1997 den Unterrichtsbetrieb aufnehmen zu können.
Die Einheimischen begrüßen diese Veränderungen zwar, aber sie wissen auch, daß noch erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden sind. Wasser und Strom sind knapp. Der jährliche Wasserverbrauch im Landkreis Kinmen beträgt 6,4 Millionen Kubikmeter, davon 3,4 aus Tiefwasserbrunnen und der Rest aus Oberflächenquellen. Das reicht aus, um den Bedarf der Inselbewohner und der Militärangehörigen zu decken, ist jedoch mit der steigenden Touristenzahl stark überfordert. Bei der Stromversorgung sieht die Lage nicht viel besser aus. Kinmens fünf Elektrizitätswerke erzeugen gerade mal genug Energie für den derzeitigen Bedarf.
Der Bau neuer Wasser- und Elektrizitätswerke ist aufgrund naturbedingter Probleme zeitaufwendig und teuer. Geringe Jahresniederschläge und das Fehlen eines größeren Flusses machen eine Entsalzungsanlage notwendig. Außerdem können Kraftwerke nur mit leichtem Dieselkraftstoff betrieben werden, der zwar umweltfreundlicher, aber auch kosten aufwendiger ist. Was die Wasserversorgung angeht, ist die Kreisregierung auf eine Idee gekommen, die als wirksamere und billigere Lösung gilt: Wasser vom chinesischen Festland kaufen. Inoffiziell hat Chen sich unter den Bewohnern Kinmens und unter den Festlandchinesen auf der anderen Seite der Taiwanstraße in der Provinz Fukien umgehört. Seiner Aussage nach zeigen beide Seiten großes Interesse an dieser Möglichkeit. "Denken wir mal nicht an die Politik, sondern betrachten die Sache vom wirtschaflichen Standpunkt aus", empfiehlt Chen. "Wenn es billiger und praktikabler ist, warum sollen wir nicht von ihnen kaufen?" Allerdings glaubt Chen nicht, daß die Zentralregierung der Republik China ihm diesen Lösungsweg erlauben wird, zumindest nicht, bis die derzeitigen politischen Spannungen abebben.
Kinmen plagen jedoch noch andere, viel gravierendere Probleme. Vom Landkreis wird größtenteils erwartet, daß er seine Kosten selber trägt. Wer wird für den Bau einer neuen Infrastruktur bezahlen? Der Abbau der Militärpräsenz bedeutet nicht nur weniger Verbraucher, sondern auch ein Ende der Gepflogenheit, sich mit der Armee Baukosten zu teilen und immer kostenlose Arbeiterkolonnen für öffentliche Aufträge abrufbereit zu haben. Besonders die Gebiete, die bisher in hohem Maße von der Zusammenarbeit mit dem Militär abhängig waren, werden jetzt von ernsten Finanzproblemen geplagt.
Ein gutes Beispiel dafür ist die medizinische Versorgung. In der Vergangenheit gingen die Einheimischen in die Armeekrankenhäuser. Heute aber sind die Möglichkeiten des Militärs weitaus begrenzter und können nicht mehr für die Zivilbevölkerung mitgenutzt werden. Daher müssen die Inselbewohner für die Behandlung schwerer Krankheiten und Verletzungen nach Taiwan fliegen. Der Umfang der medizinischen Materiallieferungen des Militärs richtet sich nach der Zahl der Soldaten auf den Inseln, das heißt jede an Zivilisten vergebene Spritze oder Tablette bedeutet eine weniger für die Soldaten. "Da Kinmen sich jetzt nicht mehr unter Militärverwaltung befindet, ist es unseren Männern gegenüber ungerecht, wenn wir die für sie bestimmten Arzneimittel Zivilisten verabreichen", sagt ein Armeearzt. "Aber es ist auch falsch, einen Zivilisten abzuweisen, der uns um Hilfe bittet. Es ist ein Riesenproblem."
Die Zentralregierung hat wenig Zeit für die Belange Kinmens, es sei denn, eine wichtige Wahl steht ins Haus. "Wir beschützen Taiwan seit Jahrzehnten, aber man läßt uns seit Jahrzehnten nicht an der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes teilhaben", beschwert sich Chen. "Jetzt, da wir die Chance haben, uns zu entwickeln, ist es nicht an der Zeit, daß Taiwan uns etwas zurückgibt? Die Regierung scheint diese Auffassung jedoch nicht zu teilen."
Chen untermauert seine Argumente mit der Betonung der Tatsache, daß das Pro-Kopf-Einkommen auf Kinmen nicht einmal ein Drittel dessen beträgt, was auf Taiwan verdient wird. Er zieht auch den Vergleich mit einer anderen vorgelagerten Inselgruppe heran - den Pescadoren (Penghu). Die dortige Kreisverwaltung bezieht ihren jährlichen Etat von der Provinzregierung Taiwan, die für diese Inseln verantwortlich ist. Der Kreis Kinmen bekommt jedoch von der ihm übergeordneten Provinzregierung Fukien der Republik China nur die magere Unterstützung von einem Drittel seines Haushalts. Der Grund? Die Provinzregierung Taiwan ist reich, die Provinzregierung Fukien erhält jedoch nur geringe Steuer- und andere Einnahmen und ist daher eher arm.
In der Hoffnung auf eine Ankurbelung der Entwicklung hat die Kreisverwaltung nach Wegen gesucht, um ihr Einkommen aufzubessern. Eines der lukrativsten Unternehmen ist der Verkauf von Kinmens berühmtem Schnaps, der aus Sorghum gebrannt wird. Von jeher war Alkohol - im wesentlichen Kaoliang verschiedener Güteklassen - die wichtigste Einnahmequelle der Kreisregierung. Mit ihren 400 Mitarbeitern erwirtschaftet die Kinmen-Brennerei die Hälfte der jährlichen Einkünfte des Kreises. Im Fiskaljahr 1995 betrug Kinmen Gesamthaushalt zum Beispiel 115 Millionen US$. Rund 39 Millionen US$ davon stammten von der Zentralregierung, 16 Millionen US$ aus anderen Einkommensquellen Kinmens und 60 Millionen US$ aus dem Verkauf von Kaoliang. Ein vor langer Zeit mit der Behörde für Tabak- und Alkoholmonopol der Provinzregierung geschlossener Vertrag schreibt allerdings vor, daß die Provinzregierung den Vertrieb der Spirituosen übernimmt, während Kinmen kein Mitspracherecht bei der Festlegung der Preise oder Gewinnspannen hat. Nach seiner Wahl konnte Chen eine Verdoppelung der Preise für Kinmen- Kaoliang erreichen, indem er mit dem Entzug der Vertriebsrechte drohte. "Unser einziges Ziel ist es, für die Entwicklung des Kreises Geld zu verdienen", betont er. "Du gibst mir akzeptable Gewinne, und ich gebe dir die Vertriebsrechte. So einfach ist das."
Als Kinmens erster von den Bürgern gewählter Kreisratsvorsitzender weiß Chen, daß die Bewohner ihn voll unterstützen. Doch er beklagt sich darüber, daß Kinmen nicht genügend Zeit hatte, um die nach dem Ende der Militärverwaltung nötig gewordenen Umstellungen frühzeitig vornehmen zu können. Die Insulaner waren auf den abrupten Übergang zu einer freien und offenen Gesellschaft nicht vorbereitet. Auch die Infrastruktur war völlig unzureichend. Daher mußte Chen in den letzten drei Jahren an allen Fronten unermüdlich Druck machen, und die noch vor ihm liegenden Aufgaben vergleicht er mit einem 100-Meter-Sprint. "Bedenkt man Kinmens geographische Lage", meint er, "wäre es durchaus möglich, daß wir uns an der Spitze der großen Kampagne für die drei direkten Verkehrsverbindungen [mit Festlandchina in den Bereichen Kommunikation, Transport und Handel] oder sogar der Wiedervereinigung Taiwans mit dem Festland wiederfinden. Das könnte in zehn Jahren passieren, aber auch schon im nächsten Jahr. Wir wollen darauf vorbereitet sein. Da der zeitliche Rahmen aber so ungewiß ist, müssen wir schnell reagieren können."
Lee Yang-sheng von der Nationalparkverwaltung ist ebenfalls der Meinung, daß die Entwicklung Kinmens ein Wettlauf mit der Zeit ist. Er denkt jedoch an ein Langstreckenrennen und nicht an eine Kurzdistanz. "Wenn man zu schnell läuft, gerät man leicht ins Stolpern", warnt er. "Wenn man aber zu langsam läuft, wird man mit Sicherheit im hinteren Feld bleiben. Das richtige Tempo zur richtigen Zeit - das ist der Schlüssel zum Erfolg."
Die unterschiedlichen Sichtweisen der beiden Männer unterstreichen die Ungewißheit, die Kinmens Zukunft umgibt. Die alten Wunden heilen, und trotz einiger Schwierigkeiten verfügen die Inseln über Potential. Wichtig sind eine klar definierte Identität, ein guter Orientierungssinn und der politische Wille, bei der Bewältigung der Probleme zu helfen. "Kinmen ist kein Kriegsgebiet mehr, aber was ist es dann?", fragt der Kreisratsvorsitzende Chen. "Werden wir ein Teil der Kampagne für die drei Verkehrsverbindungen werden, eine Sonderwirtschaftszone, eine Touristeninsel oder eine Modellgesellschaft für Festlandchina? Die Zentralregierung muß uns die Antwort geben, und zwar schnell."
(Deutsch von Christiane Gesell)